anna katharina mathez
kunst

dreizeiler


peter und die kuh

nach einer längeren lyrikpause schrieb ernst jandl um 1995 die gedichtbände "stanzen" und "peter und die kuh". letzterem sind die interpretierten dreizeiler entnommen.
der unterschied zwischen jandls früherem gedichtband "der künstliche baum" und "peter und die kuh" ist frappant und zeigt jandls ganzes dichterisches spektrum auf:
auf der einen seite die lustvollen, spielerischen lautgedichte, sprechgedichte und visuellen gedichte, angesiedelt irgendwo zwischen konkreter poesie und dadaismus, mit welchen jandl bekannt wurde. auf der anderen seite höhnisch-böse, scharfe lyrik, welcher eine grosse bitternis und trauer der letzten jahre anhaften:
melancholische gedanken von düsterkeit und selbstverachtung kreisen um die themen tod und vergänglichkeit.


dreizeiler


dass herausspringt
was nie darin war
darauf warten
der sprecher schweigt
kopfschüttelnd bleibt
sein publikum nicht lange

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tot sein
oder werden
das ist die frage
so viele glauben es nicht
ich glaube es auch nicht
aber ich möchte es glauben

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die rache
der sprache
ist das gedicht
hölzern
doch nicht aus holz
ist christas stimme

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juden
sind wir alle
nur noch nicht vertilgt
warum heisst der dentist
meiner mutter
vachuda?

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meinen ärzten
schenke ich vertrauen
alle haben es verdient
nie ein vorwurf
gegen meine brüder
doch so viele gegen mich

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robert jandl nannte er sich
dann robert maria jandl
er hat geglaubt
glauben heisse
nichts wissen
jetzt weiss ich nichts

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erikas selbstmord
hat eine spur
in die erde gegraben
du musst mir helfen
rief bruder hermann
und ich half ihm nicht

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längst schon versuche ich
die gängigsten gebete
zu rekonstruieren
mein henker
behandelt lässig
sein werkzeug

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ungewaschen
lege ich die kleidung
des vortags an
vor dem fernseher
unentschuldigt
vergeht die nacht

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mit 70 jahren
noch keinem
beim sterben zugesehen
mit 70 jahren
ein gedicht schreiben
für siebzehnjährige

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zahnlos sein
und bleiben
welch ein frühling
einen zweiten beginn
wollte ich mit zerstörung
meinen eltern lohnen

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die wiesen
waren wunderschön
ich krieche auf asphalt
dieses furchtbare
jahrhundert
jeder hat es sich verdient

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das tier mensch
das tier tier
der schöpfer beider sei gelobt
nach den begrabenen
zu suchen
begonnen haben

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sonne blendet mich
nacht schändet mich
oh wie tut mir all dies weh
kein aufsehen
kein wiedersehen
nur die hölle

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die stufen des lasters
habe ich betreten
das hängt mir nach
schweiss rinnt mir
von der stirn
aber nicht von arbeit

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die natur
erschien mir nie
als hübsches mädchen
langsam dorthin
wo man nicht sein wollte
zum unbeginn

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viele meiner freunde
sind nicht tot
ich treffe sie nie
freund war ein leichtes wort
vielleicht nur
für den knaben

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ich kann noch sehen
kann noch hören
wie fröhlich alle sind
die sterbenden
werden
allen blicken entzogen

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ewig lebt
wer nie
gelebt hat
kein wiedersehen
keine wiederholung
kein sehen

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ich bedanke mich
bei euch allen
für mich
hätte ich gewollt
hätte ich nicht müssen
ich konnte nicht wollen

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bleibe bei uns
oder gehe ab
du hund
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